Das Investment vom 07.07.2026 | Gastkommentar von Marco Rumpf:

Die Börsianer erwarten, dass die Fed in diesem Jahr mindestens noch einmal die Zinsen erhöht. Marco Rumpf kann sich ein anderes Szenario vorstellen.

Die Inflation in den USA belief sich zuletzt auf 4,2 Prozent. Angesichts dieser Preissteigerung scheint eine Zinserhöhung durch die amerikanische Notenbank Fed so gut wie sicher. Darauf deutet auf den ersten Blick auch die erste Pressekonferenz des neuen Notenbankchefs Kevin Warsh hin. Seine Aussagen interpretierten die Börsianer überwiegend als hawkish. Doch bei der US-Geldpolitik könnte es auch zu einer Überraschung kommen. Warsh will die Entscheidungsfindung der Fed grundlegend ändern. Zu diesem Zweck hat er fünf Arbeitsgruppen gebildet.

Die erste Taskforce ist für die Kommunikationsstrategie zuständig. Warsh äußert sich deutlich kürzer als Powell, der seine Überlegungen immer sehr ausführlich erläutert hatte. Außerdem soll die Fed weniger zukunftsorientiert kommunizieren, sondern ihre Strategie ganz klar datenbasiert und möglichst aktuell ausrichten. Das Ganze steht unter dem Motto: „We have no conviction.“

Die zweite Arbeitsgruppe soll sich um die Bilanzpolitik kümmern. Warsh möchte die Bilanz der Notenbank deutlich verkürzen. Diese hatte sich während der Corona-Pandemie stark verlängert, als die Fed umfangreich Staatsanleihen erwarb, um die Zinsen zu senken. Zwar hat sich die Bilanz der Notenbank seitdem wieder verkürzt. Doch das reicht Warsh noch nicht. Seiner Ansicht nach würde ein weiterer Abbau der Staatsanleihen eine lockerere Zinspolitik erlauben.

Die Taskforce Wirtschaftsdaten und -messung soll neue Informationsquellen evaluieren und die Methode zur Datenerfassung reformieren. Das Ziel besteht darin, Entscheidungsträgern präzisere, aktuellere und vor allem direkt handlungsrelevante Echtzeitdaten zur US-Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Daten wie die Trueflation sollen dabei stärker berücksichtigt werden. Die Kerninflation ist zuletzt auf 1,27 Prozent gefallen.

Der jüngste Anstieg der herkömmlichen Inflation ist fast ausschließlich auf den Angebotsschock beim Öl durch den Irankrieg beziehungsweise die Sperrung der Straße von Hormus zurückzuführen. Nun könnten jedoch deflatorische Tendenzen in den Vordergrund treten. Der Ölpreis befindet sich bereits wieder dem Niveau vor dem Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten.

Günstigere Energie

Und das schwarze Gold könnte sich weiter verbilligen. China hat seine Importe drastisch zurückgefahren. Gleichzeitig haben die USA ihre Produktion hochgefahren. Das machen jetzt auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Venezuela. Damit könnte sich ein ähnliches Szenario wie Mitte der 80er-Jahre wiederholen. Damals zerbrach die OPEC-Disziplin und der Ölpreis sank von 40 auf zehn Dollar je Barrel. Jetzt ist zumindest ein Preis von 50 Dollar je Fass denkbar.

Eine weitere Arbeitsgruppe befasst sich mit den Themen Produktivität und Arbeitsmarkt. Dabei geht es in erster Linie um die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz (KI). Die Taskforce soll analysieren, wie sich KI auf das Produktivitätswachstum, Investitionen und den Arbeitsmarkt auswirkt und welche Folgen sich daraus für das Mandat der Fed ergeben, also sowohl für die Vollbeschäftigung als auch für die Preisstabilität.

Gamechanger KI

Künstliche Intelligenz sorgt für einen enormen Produktivitätsschub. Unternehmen können in Bereichen wie der Softwareentwicklung oder dem Kundenservice mit signifikant weniger Beschäftigten dieselben Arbeitsvolumina bewältigen wie früher. Das erlaubt es Konzernen wie Meta oder Oracle die enorm hohen Investitionen in KI auch durch den Abbau von Stellen zu finanzieren.

Diese Entwicklung dürfte erst am Anfang stehen. Allein die amerikanischen Hyperscaler wollen insgesamt vier Billionen Dollar in KI-Rechenzentren und Infrastruktur investieren. Das entspricht fast dem Bruttoinlandsprodukt Deutschlands. Höhere Zinsen würden diese Investitionen spürbar verteuern. Daran dürfte Warsh kein Interesse haben.

Die fünfte Arbeitsgruppe befasst sich mit den fundamentalen Inflationstreibern. Sie hinterfragt bisherige Annahmen der Fed und erörtert Ideen, wie sich in einer sich rasch verändernden globalen Wirtschaft dauerhaft Preisstabilität gewährleisten lässt.

Unter dem Strich könnte Warsh die Leitzinsen in der zweiten Jahreshälfte möglicherweise senken, statt sie wie derzeit erwartet zu erhöhen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bewegt sich schon seit Längerem im Bereich von 4,5 Prozent, obwohl sich Länder wie Japan oder China umfangreich von amerikanischen Schuldscheinen getrennt haben. Dies deutet darauf hin, dass die Marktteilnehmer nicht mit einer dauerhaft höheren Inflation durch den Ölpreis rechnen.

Auch die fragile Lage am US-Arbeitsmarkt spricht für eine Lockerung der Geldpolitik. Dieser sieht zwar angesichts der hohen Zahl neu geschaffener Stellen robust aus. Die Statistik verschleiert jedoch, dass es sich dabei überwiegend um schlecht bezahlte Teilzeitjobs und weniger um Vollzeitstellen handelt.

Die möglicherweise lockerere Geldpolitik der USA und die industrielle Revolution durch KI bieten Anlegern weiterhin lukrative Investmentchancen. Nachdem die Aktien der Halbleiterhersteller bereits gut gelaufen sind, könnte es jetzt einen Favoritenwechsel hin zu den Anwendern geben.

Weiterhin gute Aussichten gibt es zudem bei den Stromversorgern. Vor allem in den führenden KI-Ländern USA und China muss die Energieinfrastruktur massiv ausgebaut werden, um den riesigen Strombedarf der KI-Rechenzentren zu decken. Allein um den Energiehunger der amerikanischen Hyperscaler zu stillen, müssten bis 2030 bis zu 80 neue Kernkraftwerke gebaut werden. Auch für die Solarenergie gibt es strahlende Aussichten. Das sollte die Nachfrage nach Uran und Silber beflügeln.

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