Das Investment vom 24.08.2026 | Gastkommentar von Marco Rumpf:
Gemessen am S&P 500 notiert die Wall Street auf Rekordniveau. Marco Rumpf ist dennoch davon überzeugt, dass in diesem Jahr noch höhere Kurse zu sehen sein werden.
In den kommenden Monaten dürften drei Entwicklungen die Aktienbörsen weiter nach oben treiben: eine taubenhafte Geldpolitik der Fed, starke Unternehmensgewinne und der strukturelle Boom bei Künstlicher Intelligenz (KI). Der Reihe nach.
Die Händler an der Terminbörse CME schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed am 16. September nun nur noch auf rund 36 Prozent. Zum Vergleich: Ende Juli lag der Wert noch bei 82 Prozent. Bereits auf der letzten Sitzung des Offenmarktausschusses hatten sich neun von zwölf Mitgliedern gegen eine Zinserhöhung ausgesprochen. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh will vor allem datenbasiert entscheiden. Und die Daten sprechen immer stärker gegen eine straffere Geldpolitik. Die Verbraucherpreise (CPI) sind im Juli in den USA nur noch um 3,4 Prozent gestiegen. Im Mai hatte die Teuerung noch bei 4,2 Prozent gelegen.
Für den jüngsten Preisanstieg waren vor allem die höheren Energiekosten verantwortlich. Sobald sich die Lage im Nahen Osten beruhigt, sind niedrigere Ölund Gaspreise zu erwarten, wodurch sich der Inflationsdruck mildern würde. Die Kerninflation, also die Teuerung ohne Energie und Lebensmittel, belief sich zuletzt auf 2,5 Prozent und lag damit nur noch knapp über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed.
Die US-Wirtschaft ist zuletzt nur noch um 1,5 Prozent gewachsen. Damit hat sich das Wachstum im Vergleich zum ersten Quartal, als es noch bei 2,1 Prozent lag, deutlich verlangsamt. Und jetzt schwächelt auch noch der Arbeitsmarkt. Im Juli sind außerhalb der Landwirtschaft 23.000 Stellen weggefallen. Die regelmäßig befragten Volkswirte hatten eigentlich mit der Schaffung von 80.000 neuen Jobs gerechnet. Zudem wurde die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze für Juni von 57.000 auf nur noch 20.000 nach unten revidiert.
Dass die Arbeitslosenquote dennoch nur knapp über der Marke von vier Prozent liegt, hängt mit der rekordtiefen Erwerbsquote zusammen. In den USA suchen immer weniger Menschen eine Arbeitsstelle. Im Gegensatz zur EZB ist die Fed aber nicht nur der Preisstabilität, sondern gleichzeitig auch der Vollbeschäftigung verpflichtet.
Starke Gewinnsteigerungen
Dennoch überraschen die Unternehmen bislang mit höher als erwarteten Ergebnissen. So haben 86 Prozent der im S&P 500 gelisteten Unternehmen im zweiten Quartal ihre Umsätze stärker gesteigert als von Analysten prognostiziert. Das ist der höchste Wert seit fünf Jahren. Bei den Gewinnen schnitten gut 29 Prozent der Unternehmen besser ab als erwartet. So viele gab es seit dem Jahr 2008 noch nie.
Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass der Markt an Breite gewinnt. Die Mag 7 haben ihre Gewinne im zweiten Quartal um 31,1 Prozent gesteigert. Die übrigen 493 Unternehmen des S&P 500 haben 22,8 Prozent mehr verdient als noch vor einem Jahr. Der Anteil der Mag 7 an den gesamten S&P-500-Gewinnen sinkt jedoch. Im vierten Quartal könnten die übrigen 493 Unternehmen ihre Gewinne stärker verbessern als die sieben glorreichen Technologiekonzerne.
Der dritte Kurstreiber resultiert daraus, dass KI in der Wirtschaft immer breiter Fuß fasst. Vom KI-Boom profitieren inzwischen nicht nur die Ausstatter – also die Hersteller von Halbleitern –, sondern auch die Anwender. Die zwischenzeitliche Abstrafung der SaaS-Unternehmen erweist sich als völlig übertrieben. Die deutlichen Umsatzzuwächse von Firmen wie ServiceNow oder SAP im zweiten Quartal widersprechen den zwischenzeitlich gravierenden Kursverlusten.
Noch kostet KI die Unternehmen große Summen an Geld. Doch die Preise für die Token fallen rasend schnell. Außerdem kompensieren die Unternehmen die Investitionen in KI durch niedrigere Arbeitskosten – sie streichen Stellen. KI ist für zwei fundamentale Entwicklungen verantwortlich. Erstens wirkt sie durch die erzielten Produktivitätsgewinne deflatorisch. Zweitens setzt sie in bestimmten Bereichen wie im Kundenservice oder in der Softwareentwicklung Arbeitsplätze frei. Wenn die Inflationsrate weiter fällt und auf einen schwächeren Arbeitsmarkt trifft, eröffnet dies Spielraum sogar für eine Lockerung der Geldpolitik, womit wir wieder beim ersten Argument für weiter steigende Aktienkurse sind.
Die großen Entwickler von Sprachmodellen zeigen, mit welcher Wucht sich KI entwickelt. So hat OpenAI seine Umsatzprognose für dieses Jahr auf mehr als 40 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Anthropic will dieses Jahr jetzt sogar 69 Milliarden Dollar umsetzen. Ende 2025 lag das Ziel noch bei neun Milliarden Dollar. Die beiden Betreiber der KI-Labs haben selbst noch Ende 2025 wohl kaum mit einer derart rasanten Entwicklung gerechnet. Im Gegensatz zur Dotcom-Ära steht hinter der KI-Rally ein reales, organisches Umsatzwachstum.
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