Das Investment vom 12.10.2026 | Gastkommentar von Marco Rumpf:
Goldilocks-Szenario für die US-Börsen: Die Inflation lässt nach, das Wachstum zieht an. Warum die Fed bald Spielraum bekommt, erklärt Vermögensverwalter Marco Rumpf.
Der Preisindex für die persönlichen Konsumausgaben (PCE) blieb im August mit 3,4 Prozent unverändert. Die PCE-Kernrate, also die Inflation ohne Energie und Lebensmittel, belief sich auf drei Prozent und lag damit auf demselben Stand wie einen Monat zuvor. Die gute Nachricht ist jedoch, dass beide Werte 0,3 Prozentpunkte niedriger ausfielen als prognostiziert. Zudem revidierte das U.S. Bureau of Economic Analysis die Preisdaten für das zweite Quartal um 0,3 Prozentpunkte nach unten.
Laut der CME schätzen die Händler an der Terminbörse die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed bei ihrer nächsten Sitzung am 28. Oktober die Leitzinsen ein weiteres Mal erhöht, aktuell nur noch auf weniger als 20 Prozent ein. Vor Kurzem lag dieser Wert noch bei rund 70 Prozent. Normalerweise greifen die Notenbanker kurz vor Wahlen nicht in die Zinspolitik ein, um keinen politischen Einfluss auszuüben. Am 3. November finden in den USA die Zwischenwahlen zum Kongress statt.
Für die höhere Inflation während des Irankriegs waren vor allem die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise verantwortlich. Der Preis für ein Barrel der Sorte Brent stieg im Frühjahr auf rund 120 Dollar. Inzwischen hat der Preisdruck etwas nachgelassen und Öl notiert im Bereich von 100 Dollar. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe.
Erstens hat Saudi-Arabien die wichtige Ost-West-Pipeline, durch die das Land große Mengen Öl zu den Häfen am Roten Meer transportiert, nach einem Beschuss schon nach kurzer Zeit wieder in Betrieb genommen. Zweitens passieren zunehmend sogenannte Dark Transits die Straße von Hormus. Die Öltanker schalten ihr Automatisches Identifikationssystem (IAS) ab und sind so für die iranischen Streitkräfte kaum zu orten. Somit gelangt wieder mehr saudisches Öl auf den Weltmarkt.
Beruhigung des Nahost-Konflikts
Mittelfristig ist eine weitere Entspannung der Lage in der Golfregion zu erwarten. Der Krieg hat die USA große Mengen an Waffen und Geld gekostet und ist in der Bevölkerung ausgesprochen unpopulär. Auch der Iran sollte an einer Beilegung des Konflikts interessiert sein, denn die Folgen für die Wirtschaft sind desaströs.
Der Ölpreis könnte in den nächsten Monaten wieder den Bereich von 50 bis 60 Dollar ansteuern. Für diese Erwartung spricht noch eine weitere Entwicklung. Die Abhängigkeit der Welt vom schwarzen Gold sinkt. China hat alleine im vergangenen Jahr seine Kapazitäten bei Solarstrom in einem Umfang ausgebaut, der die gesamte bestehende Sonnenstrom-Produktion der übrigen Welt übertrifft. Öl wird zwar noch viele Jahre lang gebraucht werden, jedoch immer weniger. Das wird die Teuerung dämpfen.
Das verschafft den Notenbanken perspektivisch Spielraum. Denn die Leitzinsen folgen mit zeitlichem Verzug der Inflation. Dies gilt sowohl für steigende als auch für sinkende Zinsen.
Hinzu kommt die deflationäre Wirkung von Künstlicher Intelligenz (KI). Je mehr die Wirtschaft KI adaptiert, desto stärker wird diese Wirkung. Und genau das ist derzeit der Fall: Die sogenannte Inferenz steigt. Bereits trainierte Modelle werden immer häufiger eingesetzt, um Daten zu analysieren, Muster zu erkennen und Vorhersagen zu treffen.
Gleichzeitig bremsen OpenAI, Anthropic und andere Unternehmen die Entwicklung neuer Modelle. Sie begründen dies mit den gestiegenen Sicherheitsanforderungen. Ein mindestens ebenso entscheidender Punkt sind jedoch die hohen Kosten. Die Investitionen in KI sind zuletzt stärker gestiegen als die Cashflows, wodurch sich die Schulden erhöhen. Jetzt drosseln die Entwickler das Tempo bei den kostspieligen Trainingsläufen ihrer neuen Modelle. Gleichzeitig steigen die Umsätze im Inferenzbereich, also bei der Anwendung der bereits existierenden Modelle. Hier sind immer größere Produktionsgewinne zu erwarten.
So argumentiert auch Fed-Chef Kevin Warsh, wenn er sich eigentlich gegen höhere Leitzinsen ausspricht. Die Händler an der Terminbörse CME erwarten mehrheitlich frühestens im Dezember eine weitere Leitzinserhöhung der Fed. Sollte sich die Entspannung bei der Inflation jedoch verfestigen, könnte eine Verschärfung der amerikanischen Geldpolitik ganz ausfallen.
Damit befänden sich die US-Börsen in einem Goldilocks-Szenario. Denn zuletzt fielen nicht nur die Inflationsdaten besser als erwartet aus, gleichzeitig wurde das Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal von 1,5 auf 2,2 Prozent nach oben revidiert. Vor allem die Investitionen und der Konsum fielen höher aus als erwartet. Was eine sinkende Inflation in Kombination mit einem moderaten Wirtschaftswachstum für die Wall Street bedeuten würde, liegt auf der Hand. Warsh betont immer wieder, dass er vor allem datenbasiert entscheiden möchte. Die Anleger dürften somit auf die nächsten Inflations- und Konjunkturdaten gespannt sein.
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