dasinvestment.com vom 10. Juli 2025:

Gastkommentar von Marco Rumpf

Die zwischenzeitliche Underperformance der Wall Street scheint wieder vorbei zu sein. Für Marco Rumpf von der DRH Vermögensverwaltung bleiben amerikanische Aktien das Nonplusultra.

Seit dem Einbruch nach dem Liberation Day Anfang April befindet sich der S&P 500 wieder auf Erholungskurs. Mehr noch: Das amerikanische Standardwertebarometer notiert sogar auf Rekordniveau. Dafür gibt es gute Gründe.

Es zeigt sich immer deutlicher, dass es sich bei den teils drastisch formulierten Zollforderungen von US-Präsident Donald Trump in erster Linie um ein politisches Druckmittel handelt. Seine Rhetorik um sogenannte reziproke Zölle dient in erster Linie dazu, die Verhandlungsposition der USA gegenüber Handelspartnern wie China, Vietnam oder der EU zu stärken. Die zwischenzeitlich angedrohten Strafzölle wie die 145 Prozent gegenüber der Volksrepublik waren beziehungsweise sind faktisch nicht durchsetzbar. Das zeigt auch das vor wenigen Tagen verkündete Handelsabkommen mit Vietnam. Dieses sieht für Exporte in die USA Zölle von 20 Prozent vor – statt der von den USA im April aufgrund des Handelsbilanzdefizits errechneten 90 Prozent.

Dass die Anleger zunehmend einen Zollkrieg der USA gewissermaßen mit dem Rest der Welt auspreisen, zeigt auch der Vix. Mit rund 16 Punkten notiert der Volatilitätsindex deutlich unter seinem letzten Hoch. Kurz nach dem Liberation Day war das Angstbarometer auf mehr als 50 Punkte hochgeschossen. Jetzt signalisiert es Entspannung.

Die Kurstreiber für US-Aktien

Ein weiterer wichtiger Punkt, der für die positiven Aussichten der Wall Street spricht, ist das erwartete Wachstum der Geldmenge. Inzwischen hat der „One Big Beautiful Bill Act” auch den Senat passiert. Damit sind weitere hohe Staatsdefizite der USA absehbar. Diese lassen sich nur durch das Anschmeißen der Druckerpresse finanzieren. Der wachsenden Dollarflut steht jedoch nur eine begrenzte Menge an Sachwerten, wie beispielsweise Aktien, gegenüber. Ergo sollten deren Preise weiter steigen.

Als Argument für europäische und gegen amerikanische Aktien wurden in den vergangenen Monaten immer wieder deren höhere Bewertungen aufgeführt. Doch US-Titel sind traditionell teurer als die meisten Aktien aus anderen Ländern. Noch wichtiger ist jedoch, dass sie diese höheren Bewertungen auch immer wieder rechtfertigen.

Zuletzt haben vor allem die großen amerikanischen Tech-Konzerne positiv überrascht. So sind die Gewinne der Magnificent 7 im ersten Quartal im Jahresvergleich um 28 Prozent gestiegen – trotz hoher Ausgaben für künstliche Intelligenz (KI). Bis auf Tesla haben die Mag-7-Werte die Prognosen der Analysten übertroffen. Insgesamt haben die 500 Unternehmen des S&P 500 in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 17 Prozent mehr verdient als im entsprechenden Zeitraum des Jahres 2024. Die Gewinne der 500 größten börsennotierten Unternehmen sind in Europa dagegen um neun Prozent gesunken.

Zwar wird sich das Gewinnwachstum der Glorreichen Sieben ab Mitte 2025 laut den Konsensschätzungen der Research-Abteilungen abschwächen. Dafür holen die übrigen 493 Unternehmen des S&P 500 auf, wodurch die Wachstumsdynamik an Breite gewinnt. Unter dem Strich wächst die Wall Street immer wieder in ihre hohen Bewertungen hinein.

Gewinnmaschine Wall Street

Ein wesentlicher Grund für die höhere Profitabilität von US-Unternehmen ist in den höheren Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) zu sehen. Absolut betrachtet investieren sie mehr als doppelt so viel Geld in F&E wie ihre europäischen Pendants. Aber auch relativ betrachtet haben sie die Nase vorn. Im Verhältnis zum Umsatz fallen die Forschungsbudgets in den USA deutlich höher aus als in Europa.

Die Amerikaner sind nicht nur im Tech-Bereich und speziell bei der künstlichen Intelligenz (KI) technologisch weit führend, sondern auch in Branchen wie der Pharmazie oder der Medizintechnologie. Die meisten weltweit dominanten Player dieser Sektoren kommen aus den USA. Aufgrund ihrer Technologieführerschaft verfügen diese Firmen über eine höhere Preissetzungsmacht, was sich in höheren Gewinnen und Margen niederschlägt.

Kurzfristig brachtet profitieren US-Unternehmen auch noch von der Abwertung des Dollars, da sich dadurch ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Gleichzeitig erhöht der schwache Greenback die im Ausland erzielten Gewinne bei der Umrechnung in die Heimatwährung. Sollte sich die Konjunktur in den USA in der zweiten Jahreshälfte stärker abkühlen als erwartet, ist es gut möglich, dass die Fed über die zwei Zinssenkungen hinausgeht, die derzeit von den Finanzmärkten eingepreist werden. Das könnte den Greenback weiter unter Druck setzen. Vor diesem Hintergrund könnte sich eine zwischenzeitliche Währungsabsicherung durchaus rechnen.

Während die Wall Street ihr Comeback eingeläutet hat, scheint die Euphorie um Gold nachzulassen, jedenfalls vorübergehend. Neben den Notenbanken zählen vor allem Gold-Indexfonds zu den größten Käufern – oder eben auch Verkäufern – des Edelmetalls. Insbesondere amerikanische Anleger behandeln Gold wie andere Anlageklassen. Wenn sich mit Aktien wieder Geld verdienen lässt, neigen sie zum Umschichten.

Beim Bitcoin, dem digitalen Gold, stellt sich die Lage anders dar. Die US-Regierung will bis August eine Regulierung für Kryptowährungen fertigstellen. Das dürfte es den US-Banken erlauben, im größeren Stil in Bitcoin einzusteigen. Dessen Marktkapitalisierung beläuft sich derzeit auf etwas mehr als zwei Billionen Dollar. Das ist weniger als der Börsenwert von Apple oder Nvidia. Somit können vergleichsweise kleine Käufergruppen den Bitcoin-Kurs nach oben treiben.

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