Makrolage
Der US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag überraschte deutlich positiv: +162.000 neue Stellen im August gegenüber erwarteten +53.000, die Arbeitslosenquote hielt stabil bei 4,1 %, zudem wurden Juni und Juli zusammen um 55.000 Stellen nach oben revidiert. Ein Bericht, der eigentlich beruhigen sollte, stattdessen aber die Zinssorgen befeuerte: Die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinserhöhung im September ist laut CME FedWatch vom Tief Mitte August (rund 35 %) auf aktuell über 70 % gestiegen, nachdem Fed-Chair Warsh in Jackson Hole eine klar restriktive Linie signalisiert hatte. Am Freitag folgen die CPI-Daten für August, nur fünf Tage vor der FOMC-Sitzung am 15./16. September. Diese Zahl dürfte richtungsweisend für die Zinsentscheidung sein.
Während die Fed geldpolitisch auf die Bremse tritt, macht das Finanzministerium fiskalpolitisch das Gegenteil: Finanzminister Bessent hat angekündigt, das Emissionsprofil der US-Staatsschulden stärker in Richtung kurzer Laufzeiten zu verschieben und die Rückkäufe langlaufender Anleihen zu verdoppeln, um die Renditen am langen Ende zu drücken. Der Hintergrund ist die Verschuldung: Die USA stehen mit rund 123 % des BIP (ca. 40 Bio. USD) in der Kreide, die Zinskosten übersteigen inzwischen den gesamten Verteidigungshaushalt. Ein Staat, der sich in seiner eigenen Währung verschuldet, löst dieses Problem am Ende nicht über Sparen, sondern über Inflation, die die reale Schuldenlast entwertet.
Diese Konstellation aus restriktiver Geldpolitik und expansiver Fiskalpolitik nennt man fiskalische Dominanz. Die historische Erfahrung aus Phasen sehr hoher Staatsverschuldung, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, zeigt, dass der Schuldenabbau in solchen Situationen überwiegend über Inflation und finanzielle Repression lief und nicht über Haushaltsdisziplin. Deshalb sprechen die aktuellen Rahmenbedingungen langfristig für Sachwerte wie Aktien, Immobilien, Rohstoffe und Gold, während Nominalwerte wie Anleihen und Cash das Risiko einer schleichenden Kaufkraftentwertung tragen.
Die geopolitische Lage spielt derzeit kaum eine Rolle. Brent notiert bei rund 95 bis 97 USD, nachdem der Konflikt zwischen den USA und dem Iran zuletzt wieder eskaliert ist (u. a. Angriffe auf Kuwait). Bemerkenswert ist, wie wenig sich die Kapitalmärkte von dieser ungelösten geopolitischen Lage beeindrucken lassen. Der Grund dafür liegt in den Unternehmen selbst, denn die haben in der abgelaufenen Berichtssaison geliefert.
Earnings Big Picture
Die Berichtssaison zum zweiten Quartal 2026 ist mit 99 % gemeldeter S&P-500-Unternehmen praktisch abgeschlossen – und beeindruckt vor allem durch ihre Breite: 87 % der Unternehmen übertrafen die Gewinnschätzungen, deutlich über dem 5-Jahres-Schnitt von 78 %. Bei den Umsätzen lag die Beat-Quote bei 77 %, ebenfalls über dem historischen Durchschnitt. Auf Sektorebene verzeichneten zehn von elf Sektoren Gewinnwachstum – nur der Gesundheitssektor blieb rückläufig. Auch beim Ausblick zeigt sich die breite Zuversicht: 57 % der Unternehmen gaben positive EPS-Guidance für die Folgequartale, ebenfalls klar über dem 5-Jahres-Schnitt von 41 %.
Auffällig ist, wer diese Breite trägt. Der KI-Investitionszyklus schlägt sich nicht mehr nur bei den Chipherstellern in den Zahlen nieder, sondern zunehmend in der zweiten Reihe: bei Elektrotechnik- und Energieinfrastrukturkonzernen wie Eaton und Schneider Electric, bei Komponentenherstellern wie Amphenol, bei Netzwerkausrüstern wie Arista oder bei Design-Software wie Synopsys, die allesamt mit starken Zahlen und deutlichen Kursgewinnen aus der Berichtssaison hervorgingen. KI treibt die Unternehmensgewinne jetzt auch in der Breite.
KI-Hype: Wir stehen erst am Anfang des Zyklus
Den eindrücklichsten Beleg dafür, wie früh wir im KI-Zyklus tatsächlich noch stehen, liefert ein Ereignis abseits der Quartalszahlen: Anthropic, die Mutter hinter dem KI-Modell Claude, bereitet für das vierte Quartal 2026 ihren Börsengang vor. Die Umsatzdynamik dahinter ist bemerkenswert. Noch im Januar 2026 lag die Umsatzerwartung für das laufende Jahr bei rund 9 Mrd. USD, aktuell wird ein Umsatzniveau von rund 69 Mrd. USD erreicht bzw. erwartet, und für 2028 stellt das Unternehmen laut Berichten rund 200 Mrd. USD in Aussicht. Von 9 über 69 auf 200 Milliarden in drei Jahren. KI verdient inzwischen handfestes Geld und nicht nur Bewertungsfantasie. Der bevorstehende IPO wird zum nächsten wichtigen Realitätscheck dafür, ob der Markt diesem Tempo weiter Glauben schenkt.
Krypto: Fiskalpolitik als unerwarteter Kurstreiber
Auch bei Kryptoassets kam der jüngste Impuls nicht aus dem Krypto-Markt selbst, sondern aus der oben beschriebenen Fiskalpolitik. Bessents Verschiebung hin zu kurzen Laufzeiten bedeutet faktisch eine schleichende Entwertung des US-Dollar, und genau darauf hat der Markt reagiert: Seit der Ankündigung Ende August hat der Bitcoin um rund 24 % zugelegt. Aktuell notiert er um die 80.000 USD. Entscheidend wird nun, ob die Marke von rund 82.000 USD nachhaltig zurückerobert werden kann.
Damit schließt sich der Kreis zur Sachwerte-These aus dem Makroteil: Bitcoin reagiert im Grunde auf dasselbe Signal wie Gold oder Aktien, nämlich die Entwertung des Dollars durch eine überschuldete Fiskalpolitik. Der Unterschied ist nur das Tempo. Während sich die Entschuldung über Inflation über Jahre vollzieht, preist der Kryptomarkt diese Erwartung binnen Tagen und Wochen ein.
VERFASST VOM RESEARCH-TEAM DER DRH VERMÖGENSVERWALTUNG GMBH
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